„Ich bin ein schlechter Verlierer“
ERSTELLT 16.01.06, 20:27h, AKTUALISIERT 16.01.06, 20:32h
Mit dem türkischen FC-Spieler sprach Christian Löer über Charakter, Temperament und Vorsätze.
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Alpay, wie würden Sie Ihre aktuelle Situation beim 1. FC Köln beurteilen?
ALPAY ÖZALAN: Mir ist klar, in was für einer Situation ich im Moment stecke, und ich weiß auch, dass es keine gute Situation ist.
Was tun Sie, damit Sie nicht wieder in Situationen geraten wie im Spiel mit der türkischen Nationalelf gegen die Schweiz oder zuletzt in der Bundesliga mit Köln beim HSV?
ALPAY: Ich muss aufpassen, weil sich jetzt natürlich alles auf mich fokussiert. Obwohl man Hamburg nicht mit dem Spiel gegen die Schweiz vergleichen kann. In Hamburg wurde ich ständig von meinem Gegenspieler provoziert. Natürlich habe ich mich hinreißen lassen, klar. Aber wenn du ständig provoziert wirst, gerätst du irgendwann in die Spielsituation, in der so etwas passieren kann. Aber natürlich muss ich mich in Zukunft beherrschen.
Sie wirken außerhalb des Platzes recht freundlich.
ALPAY: Eigentlich bin ich das auch. Aber wenn ich auf den Platz gehe schalte ich um. Dann gebe ich hundert Prozent.
Was ja gefährlich werden kann.
ALPAY: Da haben Sie Recht. Der Idealfall ist natürlich, mit einer Aggression auf den Platz zu gehen. Aber du musst die Aggression kontrollieren können. Darum geht es.
Das ist Ihnen zuletzt weniger gut gelungen. Dabei haben Sie bei der EM 1996 noch den Fairness-Preis gewonnen, weil sie in einem entscheidenden Moment auf eine Notbremse verzichtet haben.
ALPAY: Ja, das stimmt. Fairplay-Preis. Den habe ich bekommen, als ich noch jünger war. Da habe ich noch keine taktischen Fouls gemacht.
Heute kämen Sie für den Preis nicht mehr in Frage?
ALPAY: Heute würde ich den Spieler direkt foulen.
Wahrscheinlich haben Sie sich zwischenzeitlich sogar gewünscht, Sie hätten gefoult. Immerhin hat man in der Türkei anschließend Sie für das EM-Aus verantwortlich gemacht.
ALPAY: Ja, hat man. Gegen Brasilien, bei der WM sechs Jahre später, da habe ich ja dann gefoult. Ich verschuldete einen Elfmeter - und wir schieden wieder aus.
In vielen deutschen Medien sind Sie jetzt „Rambo-Alpay“. Was wollen Sie tun, um Ihr Image verbessern?
ALPAY: Nichts. Ich bin eben so. Ich gehe mit Leidenschaft an die Sache, da muss ich mit dem Image leben.
Wir reden nicht von Leidenschaft, sondern von Unfairness.
ALPAY: Ich sehe mich selbst nicht als unfairen Spieler. Ich bin hart und kämpfe für meine Mannschaft. Aber ich werde versuchen müssen, mich nicht mehr provozieren zu lassen. Denn wenn ich das noch einmal mache, fehle ich wieder vier Wochen. Ich habe Herrn Overath versprochen, so etwas nie wieder zu tun.
In Hamburg sind Sie provoziert worden. Aber was ist beim Spiel gegen die Schweiz passiert, bevor Sie nach dem Schlusspfiff mit den Stollen voran von hinten Marco Streller in den Rücken sprangen?
ALPAY: Das war ein Finalspiel, auf das wir lange hingearbeitet haben. Ein unglaublich wichtiges Spiel. Wir waren zu angespannt, da ist es dann explodiert. Es war falsch.
Wie und warum wurde ausgerechnet Streller zu Ihrem Opfer?
ALPAY: Es war wie ein Blackout. Dass es gerade Marco getroffen hat, war letztlich wie Lotto. Ein Kurzschluss. Da ging es nicht um die Person, sondern darum, dass da jemand mit einem Schweizer Trikot war. Das war nichts gegen Marco, und das habe ich ihm auch gesagt. Alles, was nach dem Spiel passiert ist, tut mir furchtbar leid. Was ich getan habe, habe ich selbst noch nicht richtig verdaut. Es war ein Fehler, für den ich meine Strafe erhalten werde.
Überziehen türkische Spieler, wenn sie im Nationalteam antreten?
ALPAY: Ich habe jetzt 96 Länderspiele, ich habe es nicht nötig, rauszuposaunen, dass ich alles gebe für die Türkei. Ich bin ein Patriot, das weiß jeder, der mich kennt. Wenn ich die türkische Fahne auf meiner Brust trage, fühle ich mich anders, emotionaler. Aber im positiven Sinne. Das muss auch so sein, sonst ist man kein Nationalspieler. Hätte ich diese Emotion nicht, könnte ich gleich mit dem Fußball aufhören.
Sind Türken besonders schlechte Verlierer?
ALPAY: Ich kann nur für mich sprechen, und ich sage: Ja, ich bin ein extrem schlechter Verlierer. Ich nehme Niederlagen mit nach Hause. Dann darf mich keiner ansprechen.
Sie haben demnach länger nicht mit Ihrer Frau gesprochen?
ALPAY (lacht): Ja. Die wollte schon zurück in die Türkei.
Wie finden es denn die Leute in der Türkei, dass Sie sich mit Streller versöhnt haben und auch noch mit ihm in einer Mannschaft spielen?
ALPAY: Die türkische Presse hat das sogar irgendwie witzig gefunden. Es gab in einer türkischen Zeitung eine Art Aufstellung darüber, wie viele Fußballmannschaften es auf der Welt gibt und wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass wir uns gerade beim 1. FC Köln treffen. Ist ja auch ein unglaublicher Zufall.
Von den Kölner Fans wurden Sie zuletzt ausgiebig gefeiert. Wie erklären Sie sich das?
ALPAY: Zunächst einmal empfinde ich das als Ehre. Ich hoffe aber, dass die Fans das nicht nur wegen der Schlägereien tun, sondern, weil ich ein paar ganz gute Spiele gemacht habe. Wir sind zum ersten Mal in Deutschland, aber meine Familie und ich fühlen uns so wohl hier, dass wir überlegen, zu bleiben. Ich werde jetzt auch Deutsch lernen. Fußballdeutsch kann ich ja schon. Nur Schweizerdeutsch ist schwierig.
Vor einer Woche waren Sie sogar auf einer Karnevals-Sitzung. Haben Sie verstanden, worum es dort ging?
ALPAY: Natürlich. Und zwar funktioniert es so: Wenn man Prinz ist, hat man alle Trümpfe in der Hand. Nächstes Jahr kandidiere ich vielleicht. Aber nur, wenn ich mir die Prinzessin selbst auswählen darf.
Die Prinzessin heißt hier Jungfrau. Wie wär's mit Marco Streller?
ALPAY: Ja, vielleicht.
(KStA)
http://www.ksta.de/html/artikel/1137402819256.shtml