erstes Länderspiel in Mönchengladbach: 105 Jahre sind vorbei
Verfasst: 07.06.2005, 00:22
am mittwoch findet zum allerersten mal ein länderspiel in mönchenglabach statt, folgenden artikel hab ich darüber bei seitenwahl.de gefunden.
viel wahres dranDanke für nichts!
(js) Im Jahre 1900 wurden sowohl der DFB als auch Borussia Mönchengladbach gegründet, doch es sollte 105 (in Worten: einhundertfünf) Jahre dauern, bis beide im Rahmen eines Fußball-Länderspiels zusammenfinden. Wenn am Mittwoch die deutsche Nationalelf im Borussia-Park gegen Rußland spielt, ist dies somit ein historisches Ereignis, gleichzeitig aber auch der Kulminationspunkt einer sportpolitischen Frechheit. Daß der weltgrößte nationale Fußballverband über ein Jahrhundert benötigt, um sich mit seiner besten Auswahl bei einem seiner Kernvereine blicken zu lassen, ist ein Armutszeugnis ersten Ranges, zumal das "Ereignis" ein popeliges Vorbereitungsspiel für ein ödes Testturnier gegen einen mittelmäßigen Gegner ist. Sicherlich war Borussias Vereinsgeschichte nicht frei von Versäumnissen und schlechtem Timing, sobald es um Großereignisse ging, doch kann das keine Ausrede für die verbandsseitige Mißachtung sein. Sollte also irgend jemand erwarten, daß Borussias Fans den DFB mit vor Freude dauerfeuchten Augen empfangen werden, so liegt hier ein Mißverständnis vor.
Wenn im nächsten Jahr die Fußball-Weltmeisterschaft und damit das zweitgrößte Sportspektakel weltweit nach den Olympischen Spielen in Deutschland stattfinden wird, nimmt Mönchengladbach den Platz des Zuschauers ein. Dies ist nichts Neues. 32 Jahre zuvor, und damit vier Jahre nach dem ersten Meistertitel, hatte die Heimstatt Borussias bereits außerhalb des Kreises der Auserwählten gestanden, wenngleich damals die Gründe nachvollziehbarer waren als heute. Die Elf vom Niederrhein war zwar 1965 zeitgleich mit Bayern München in die Bundesliga aufgestiegen, mußte jedoch miterleben, wie der Konkurrent von der Isar durch die Austragung der Olympischen Sommerspiele 1972 in München schnurstracks ein Großstadion auf dem Silbertablett serviert bekam, das den Grundstock für die bis heute anhaltende wirtschaftliche Dominanz der Bayern legte.
Während zudem nach dem Zuschlag für die WM 1974 neben den somit prädestinierten Münchnern noch acht weitere Städte mit Steuermillionen zugeschüttet wurden und neue Stadien allenthalben planten, zankte sich der Mönchengladbacher Stadtrat über ein Jahr lang - punktgenau in den beiden Spielzeiten 1969/70 und 1970/71, als die ersten beiden Meistertitel errungen wurden - über die Frage, ob der Bökelberg in bescheidener Form ausgebaut (nämlich vor allem um den Ostwall erweitert) werden oder man nicht doch ganz nach Rheydt umziehen solle, wo von Kapazitäten bis zu 70.000 Zuschauern die Rede war. Natürlich entschied man sich für die kleine Lösung, die dem Verein noch jahrzehntelang wie ein Senkblei am Bein hängen sollte, während anderswo der WM-Zug längst abgefahren war. Die Frage, ob die Austragung der WM 1974 für Mönchengladbach vier Jahre zu früh kam, bleibt somit eine hypothetische, doch glücklich war das Timing aus Vereinssicht nicht.
Ähnliches läßt sich auf den ersten Blick für die anstehende WM behaupten. Man schrieb das Jahr 2000, als Deutschland sich gegen Südafrika in der Endausscheidung denkbar knapp durchsetzte, Borussia feierte ihren hundertsten Geburtstag, doch anstatt sich als in Saft und Kraft stehender Verein und damit, nach acht nationalen und zwei internationalen Titeln sowie bei höchsten Sympathiewerten, als natürlicher Kandidat für einen der Spielorte zu bewerben, krauchte man gerade zum ersten und einzigen Mal in der Vereinsgeschichte in der Zweiten Liga herum. Wäre man Schicksalsgott und würde gelangweilt den Weltenlauf ersinnen, hätte man kein übleres Spiel treiben können, zumal der Abstieg des Vereins nur den lange verzögerten Höhepunkt eines stetigen Niedergangs darstellte. Borussia schien einmal mehr nicht bereit für ein Großereignis.
Und dennoch: Hier enden oberflächliche Parallelen. Zwar hatte sich in Mönchengladbach die Frage nach dem Bau eines neuen Stadions zu einer beinahe unendlichen Geschichte entwickelt, doch als es im Frühjahr 2002 um die Auswahl der immerhin ein Dutzend Spielstätten ging, lag ein in sich schlüssiges Projekt auf dem Tisch, das keine Konkurrenz mit einem Großteil der Bewerber zu scheuen brauchte. Am Ende freilich gehörten ausgerechnet die traditionsreichen Spielorte Bremen (dessen Nicht-Berücksichtigung einen mindestens so großen Skandal darstellt) und Mönchengladbach zu den Verlierern. Sicherlich, so beeilte sich der damalige DFB-Präsident und heutige DFB-Halbpräsident Mayer-Vorfelder festzustellen, würden Mönchengladbach und Bremen die Anforderungen der FIFA erfüllen, und sicherlich hätten beide dort ansässigen Vereine sehr viel für den Fußball in Deutschland getan. Doch das sei eben kein der Wahl der Austragungsorte zugrunde liegendes Kriterium; ausschlaggebend seien vielmehr "regionale Aspekte" und "objektive Kriterien".
Nun wissen wir natürlich, daß das so nicht stimmt, auch weil Mönchengladbachs Präsident Rolf Königs wiederholt verlauten ließ, der DFB habe Borussia einfach nicht zugetraut, "das Kaliber zu haben, solche Dinge zu stemmen". Doch auch mit den anderen Gründen ist es so weit nicht her. Bremen ist beispielsweise nicht regional genug, die Fußball-Hochburg Hannover schon. Mönchengladbach kann "objektiv" gesehen nicht hinreichend planen, um einen Neubau fristgerecht und kostengünstig zu realisieren, Kaiserslautern schon (der Witz schlechthin; über die Folgen kann man sich jeden Tag erneut amüsieren). In Leipzig spielen sie zwar keinen Fußball, sondern Bach, doch das Zentralstadion stand schon zu DDR-Zeiten meist leer, da fällt das nicht auf. Dafür können sie in Rostock wirtschaften und eine Spielstätte füllen, doch das ist wohl zu regional. Man könnte diese Reihe endlos fortsetzen; festzuhalten bleibt, daß es hier mit den objektiven Gründen nicht so weit her sein kann.
Dies gilt auch für die noch unglaublichere Tatsache, daß der DFB bislang - sieht man von Mickrigkeiten ab wie dem "Team 2006", an das sich bereits nicht einmal Fußballhistoriker mehr erinnern können - noch kein offizielles Länderspiel in Mönchengladbach ausgetragen hat (wohl aber in Freiburg, Mannheim, Bochum, Dresden usw. usf.). Gerne werden immer wieder die bekannten logistischen Probleme und der Sicherheitsaspekt genannt. Nun, Borussia hat ihrerseits am Bökelberg sieben Spiele gegen Nationalmannschaften absolviert, und zwar je drei gegen Japan und Israel sowie eines gegen Österreich (Bilanz übrigens sechs Siege, eine Niederlage bei 27:12 Toren). Gerade die Partien gegen die sicherheitsbesessenen Israelis, von denen zwei noch in der 80er Jahren stattfanden, widerlegen sämtliche dieser Bedenken - zumindest läßt sich jedoch ablesen, daß mit einer Portion guten Willens von allen Seiten kein ernsthafter Hinderungsgrund für ein Länderspiel verblieben wäre.
Nun soll hier nicht der Eindruck erweckt werden, es ginge irgend jemandem schlechter, wenn der DFB sich in Mönchengladbach nicht sehen ließe. Zu gut paßt eine nonkonformistische, mit ihrem Anspruch eleganter Leichtigkeit und offensiver Leidenschaft geradezu die Gegenbewegung zum Verbandsdinosaurier DFB versinnbildlichende Philosophie zur Fohlenelf und ihren Fans, als daß man sich groß beschweren mag. Der DFB hat sich entschieden, wie er das zu müssen meinte, und Borussia mußte mit einer Mischung aus hausgemachten Problemen und nicht verantworteten Umständen die Dinge nehmen, wie sie sind. Beide Seiten müssen mit den Konsequenzen leben. Das Schöne ist freilich, daß Borussia dies inzwischen besser kann: Aus eigener Kraft hat man sich ein in jeglicher Hinsicht solides Stadion errichtet, das keinen nationalen Vergleich zu scheuen braucht und die Ambitionen des Klubs eindrucksvoll verdeutlicht.
Der DFB seinerseits torkelt in die entgegengesetzte Richtung und sonnt sich noch krampfhaft in seinem letzten Triumph, der WM-Gastgeberrolle, während allenthalben die Felle davonschwimmen: Zunehmende Machtansprüche und internationale Koalitionen der Großklubs mit entsprechenden finanziellen Auswirkungen, eine notorisch unansehnliche Nationalelf, die 1990 den letzten großen Gegner bei einem bedeutenden Wettkampf schlug und seit 1996 gegen kein einziges europäisches Team mehr bei einem großen Turnier gewinnen konnte, ein Wettskandal, dessen Untiefen immer noch nicht ausgelotet erscheinen, und ein unbeschreibliches Chaos der Verbandsstrukturen, in denen beispielsweise der eine Halbpräsident nicht weiß, was der andere tut, bilden nur die Spitze des Eisbergs. Hätte die DFB-Spitze auf der Brücke der "Titanic" gestanden und eben diesen Eisberg gesichtet (in sich selbst eine für diesen Verband beinahe unvorstellbare Leistung), so hätte sie vermutlich eine Findungskommission eingerichtet, die eine Eisbergausweichkommission paritätisch hätte besetzen sollen. Im Zuge dieser Findung wären dann alle gemeinsam gesunken, was man uns noch als Erfolg solidarischen Handelns verkauft hätte.
Wenn also dieser DFB am Mittwoch in Mönchengladbach Hof zu halten gedenkt, wird die Geschichte seiner gestörten Beziehungen zu Borussia Mönchengladbach (die inzwischen verbessert sein sollen, wie uns Herr Königs erläuterte, doch der Fußballfan ist ein gar nachtragendes Wesen) nicht unter dem Teppich bleiben. Die Pfiffe, die es gegen Jürgen Klinsmann wegen der Nicht-Berücksichtigung Oliver Neuvilles geben wird, sind da nur ein augenfälliges Beispiel, zumal sie einen Nebenkriegsschauplatz betreffen. Selbstverständlich ist es eine weitere verpaßte Chance des DFB, daß man in Mönchengladbach keinen Mönchengladbacher Spieler zu Gesicht bekommen wird; über diese Geste hätte man sich gefreut (so kann Neuville sich halt in Ruhe regenerieren, was uns nicht unlieb ist). Klinsmann mit seinen oft zu Unrecht kritisierten Versuchen, die DFB-Strukturen aufzubrechen, ist jedoch eher der falsche Kandidat für Fan-Unmut in seiner angemessen, sprich friedlich-kreativen Form.
Die richtigen Kandidaten sitzen auf der Ehrentribüne, denn sie sind es, die fanfeindliche Politik im großen Stil betreiben: Versitzplatzung von Stadien; Ausbau der Fankontrolle im Zusammenwirken mit Möchtegern-Becksteinen wie dem Noch-Bundes-Innenminister und seinen grünen Horden; Kommerzialisierung über das sicherlich inzwischen unvermeidliche Maß hinaus, beispielsweise durch unattraktive Anstoßzeiten am Sonntagabend; Bevorzugung von allem und jeden, sofern es keine Fans sind, beim Kartenvorverkauf für Großereignisse; schneckenhafte Langsamkeit bei der Umsetzung technischer Neuerungen wie des Videobeweises, was uns buchstäblich blinde Schiedsrichter wie im jüngsten DFB-Pokalfinale oder dem vorjährigen Halbfinale Borussias bei Alemannia Aachen beschert; juristische Zweifelhaftigkeiten einer überforderten Verbandsgerichtsbarkeit wie bei der Aberkennung des Mönchengladbacher Hallen-Masters-Titel, und was uns da sonst noch einfiele. Freuen wir uns also darauf, daß Mönchengladbachs Fans sich als intelligent erweisen, wie es ihr Ruf ist, und nicht wie ein Haufen hinterwäldlerischer Bayern auf die Spieler des eigenen Landes pfeifen, sondern auf die Repräsentanten des DFB: Diese sollen sich gar nicht erst einreden können, daß sie dadurch, daß sie endlich ihre Bringschuld gegenüber einem der wichtigsten und beliebtesten Vereine Deutschlands abzutragen beginnen, bereits etwas Lobenswertes geleistet hätten.
Joachim Schwerin
06.06.2005
