Groundhopping
Verfasst: 17.09.2004, 23:34
der bericht war diese woche in unserer tageszeitung:
ich hab gar nicht gewust das so ein "verrückter" in meiner nähe wohnt.Hobby Groundhopping: Markus Kropf aus Hof ,,sammelt‘‘ Fußball-Arenen und erlebt auf seinen Reisen die unglaublichsten Geschichten
„Das Leben ist zu kurz für alle Stadien dieser Welt“
VON ALEXANDER WUNNER
Es war die Nacht der Euro-Fighter, in der alles begann. Als elf Männer in blau-weißen Trikots nach einem sensationellen Sieg über Inter Mailand den UEFA-Pokal in Schalker Händen hielten. Hoch droben auf den steilen Rängen der Mailänder Fußballoper Meazza-Stadion jubelte an jenem lauen Frühlingsabend 1997 ein Hofer freudetrunken mit: Markus Kropf, Schalke-Fan und seit jenem Tag einer der verrücktesten Groundhopper im ganzen Land.
HOF – Die deutsche Nationalmannschaft hat Markus Kropf bekannt gemacht. Wenn die im Londoner Wembley oder im Zalgirio-Stadion im litauischen Vilnius kickt, hängt an den Zäunen immer Knopfs Markenzeichen: Ein überdimensionales Spruchband mit der Aufschrift „Hof/Saale“.
Fußball-Fan eben, mag man denken, aber Kropf ist weit mehr als das. Er ist Groundhopper und damit einer jener Menschen, der seinem Nebenmann im Stadion vielleicht die Frage stellt, ob er zufällig den Spielplan der zweiten Liga von Albanien parat hat, weil er dort ein Spiel besuchen will.
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„Fußballvereine in der Sahelzone“
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In Mailand fing es an. „Ich sah Inter und dachte, wie es wohl beim AC Mailand ist. Und als ich AC Mailand gegen Lazio Rom sah, dachte ich, wie es wohl in Rom ist.“ So ging es weiter, immer weiter. Heute, sieben Jahre später, kennt der 30-Jährige die Welt, oder besser gesagt, die Fußballstadien dieser Welt. 40 Länder hat er gesehen, 460 Arenen „gesammelt“, zwischen Madrid und Mostar, zwischen Minsk und Mattersburg. „Verrückt, ich weiß“, sagt Kropf und lacht, „aber ein wirklich geiles Hobby.“
Als wir Kropf dieser Tage in seiner kleinen Mietwohnung besuchen, laufen im Fernsehen die „Eurogoals“ mit all den Toren, die am Wochenende auf unserem Kontinent geschossen wurden. Pflichtprogramm für einen Fan. Den Flur zieren Dutzende von Vereinswimpeln, im Wohnzimmer künden gerahmte Plakate in kyrillischer Schrift Spitzenspiele osteuropäischer Ligen an und auf dem Tisch findet sich neben dem Bestseller „Tschechiens Fußballstadien von der ersten bis zur siebten Liga“ ein Fußball-Weltatlas, in dem ein Kapitel den aufschlussreichen Titel „Vereine in der Sahelzone“ trägt.
Ob Kropf wohl eine Freundin hat ? „Früher ja, jetzt ist das eher schwierig“, sagt er und lächelt wieder, als er erzählt, wie ihn jüngst eine junge Dame in einer Hofer Kneipe nach seinem Hobby gefragt hat. „Fußball-
Fan“ hat er da geantwortet, „und weil sie wohl an Wiesla oder Viktoria Hof dachte, hab' ich's ihr erklärt.“ Die Dame musste dann schnell mal aufs Klo. Wieder gekommen ist sie nicht mehr.
Gut möglich, dass sich dieser Vorfall in der Sommerpause abgespielt hat, dann also, wenn „der Hofer“, wie er in der Szene heißt, nicht mehr er selbst ist. Die fußballlose Zeit nagt an ihm, wer ihm ein wenig zuhört, kann sich gut vorstellen, wie er dann auf den Nägeln kaut, vor dem Videotext sitzt und auf die neue Saison wartet.
Der Start in die Serie ist für einen Groundhopper eine Erlösung. Der Ball rollt – Zeit auf Tour zu gehen. Vor ein paar Tagen ist Kropf für 60 Euro mit dem Bus nach Belgrad gereist. Schnell ein Spiel geguckt, dann ab in den Nachtzug nach Sofia („aber in den ukrainischen Schlafwagen, der ist immer zehn Euro billiger als der bulgarische“), wieder Fußball und weiter nach Bukarest; dort drei Spiele an einem Tag („in Tschechien schaff' ich oft fünf“) mit dem Highlight Dynamo gegen Manchester United für einen Euro Eintritt und schließlich weiter nach Galati zum UEFA-
Cup-Spiel gegen Partizan Belgrad, das dummerweise im
500 Kilometer entfernten Constanza ausgetragen wird, weshalb Kropf und ein Kumpel einen Taxifahrer anheuern, der sie für 50 Euro bis vor die Stadiontore fährt und schließlich nach einem kurzen Abstecher ans Meer weiter nach Moldawien.
Weil der Groundhopper als solcher vor Überraschungen nie gefeit ist, hatte Kropf sich bereits von zu Hause aus beim moldawischen Verband versichert, dass das Topspiel zwischen Zimbru Chisinau und Sheriff Tiraspol tatsächlich am besagten Termin stattfindet. „Na klar“ habe man ihm versichert, dumm nur, dass er vor Ort aus der Zeitung erfuhr, dass alle Spiele verlegt worden waren. Warum, weiß Kropf heute noch nicht, der Einsatz für ein Visa, die Reise, zwei Nächte im Hotel – alles umsonst. Der Ball ruhte. Groundhopper-Pech.
Seit zwei Jahren gehört der Hofer der „Vereinigung der Groundhopper Deutschlands“ an, in der die 73 verrücktesten Fans des Landes organisiert sind. Aufnahmebedingungen sind 30 Länderpunkte (pro Land gibt es einen) plus 300 Grounds (also Stadienbesuche).
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Mit allen Wassern gewaschen
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10 000 Euro lässt sich Kropf sein Hobby pro Jahr kosten, bei einem Monatsverdienst von 1500 Euro muss er auf jeden Cent achten. Und das tut er. Reist per Billigflug nach Istanbul (50 Euro) oder Manchester (70 Euro), fährt in Tschechien mit einem speziellen Bahnticket oder verschiebt die verlockende Aussicht auf ein Fußballspiel auf den Färöer-Inseln, „weil dort wegen des vielen Regens oft der ganze Spieltag abgesagt wird“. Überhaupt sind die Groundhopper dank guter Kontakte untereinander längst mit allen Wassern gewaschen. „In Hotels zum Beispiel übernachten wir in einem Zwei-Bett-Zimmer oft zu fünft, das merkt keiner“, erzählt Kropf. Und auch wenn er nicht verraten will, wie er das macht, so gibt er doch zu, „dass ich ab und zu auch umsonst in ein eigentlich ausverkauftes Stadion komme.“ Der Fußball selbst steht dabei nicht im Vordergrund, für den Groundhopper sind das Stadion selbst, die Stimmung und die Ideen der Fans das Wichtigste, „vom Spiel selbst sehe ich oft nur 20 Minuten.“
Die nächsten Monate hat der 30-Jährige ausgeplant. Im Oktober fliegt er für ein paar Tage nach Teheran, Silvester will er in Griechenland erleben. Mit Fußball. Allein, sagt Kropf, sei er ohnehin nie. „Egal wo du bist, ob in Weißrussland oder in Norwegen, irgendeinen deutschen Groundhopper findest du auf jedem Platz. Und so viele Menschen wie in den letzten Jahren habe ich mein ganzes Leben nicht kennen gelernt.“
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Stadionverbot
in Minsk
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Wen die Sammelleidenschaft gepackt hat, den lässt sie nicht los. Aber warum immer Osteuropa, warum nicht Südamerika, die großen Derbys – Boca gegen River Plate in Buenos Aires, Penarol gegen Nacional in Montevideo oder Flamengo gegen Fluminense in Rio ? „Reizvoll, keine Frage“, sagt Kropf, „aber wenn ich jetzt dahinfahre, dann will ich doch nie mehr in die Ukraine oder nach Kasachstan.“
13 Länder fehlen ihm noch in Europa, der Trip Richtung Ural ist für nächstes Jahr fest eingeplant. Angst vor Kriminalität kennt Kropf dabei so gut wie nicht und bislang hat er meist Glück gehabt. Nur einmal, im tschechischen Zlin, hat er ein paar Schläge einstecken müssen, „und das auch nur, weil ich ein T-Shirt mit der Aufschrift Slask Breslau anhatte“. Dass gerade diesen polnischen Klub eine Fanfreundschaft mit Banik Ostrau verbindet, dem Gegner von Zlin an jenem Tag, erfuhr Kropf erst hinterher...
Highlights hat der Hofer in den letzten Jahren viele erlebt. Ob in Minsk, wo er mal einige Sicherheitskräfte fotografierte und danach Stadionverbot erhielt („zwei Eingänge weiter kamen wir wieder rein“) oder im süditalienischen Perugia, wo die Fans mit ihren bengalischen Feuern beinahe das Stadion angezündet hätten.
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Die Sache mit dem Pass und Israel
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Was ihn noch reizt? Der Osten, sagt Kropf, Dnjepr Dnjepropetrowsk vielleicht oder Wladikawkas, „und überhaupt alles, wo die Stadien nicht alle gleich aussehen wie in Westeuropa.“ Auch Israel sei so ein Traum. Das Bayern-Spiel Mitte September in Tel Aviv wäre eine gute Gelegenheit, „aber erstens ist mein Pass wegen der Teheran-Reise gerade zum Übersetzen in der iranischen Botschaft und zweitens komme ich mit einem israelischen Stempel im Pass in manche Länder nicht mehr rein.“ Und auf diese Länderpunkte will ein Groundhopper natürlich nicht verzichten.
Die entferntesten Gegenden Europas hat Kropf inzwischen gesehen. Zwischen Prag und Bratislava kennt er nach 100 Touren die besten Gaststätten, die billigsten Tankstellen, die interessantesten Diskos und überhaupt: „In Erdkunde wäre ich jetzt richtig gut“, lacht der Hofer. Nur als ihn ein Freund mal mit einer Dame aus Zell verkuppeln wollte, hat er eine Landkarte benötigt. Karpaten oder Andorra sind ihm eben bekannter als der Waldstein.
Und nächstes Wochenende? „Da geht‘s in die Umgebung.“ Freitag Kapfenberg, Samstag Pula Kroatien, Sonntag Domzale. Slowenische Liga. Für einen Groundhopper ein Leckerbissen wie damals die Euro-Fighter. Wirklich wahr.
„Es ist eine Sucht“, sagt Markus Kropf, der verrückteste Fußballfan in der Region. In Litauen (links oben) hing sein Banner „Hof/Saale“ schon oder in Tschechien, Spanien oder sonstwo in Europa: „So viele Menschen wie in den letzten Jahren habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht kennengelernt“, erklärt er.
