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CL-Einnahmen sorgen für Ungleichgewicht in nationalen Ligen

Verfasst: 21.11.2004, 19:23
von mash
Das Baby der UEFA mutiert zum Monster
Geldstrom aus der Champions League sorgt für ein Ungleichgewicht, das den Wettbewerb in den nationalen Ligen bedroht

Am Schmuddelwetter in London lag es nicht. Leidenschaftliche Fußball-Fans sind gegen Wind und Regen immun. Es lag auch nicht an dem langen Anfahrtsweg. Ob mit Bahn, Bus oder dem eigenen Auto, man benötigt kaum mehr als zwei Stunden, um von dem in den Midlands gelegenen West Bromwich in die englische Metropole zu gelangen. Und auch die mit der Tea-Time kollidierende Anstoßzeit um 16 Uhr kann nicht der Grund gewesen sein, warum das Heimspiel von Arsenal London gegen den Aufsteiger West Bromwich Albion gestern nicht ausverkauft war. Schlachtenbummler greifen ohnehin lieber zum Glas als zur Tasse.

"Knapp 40 Pfund Eintritt zu zahlen für ein Spiel, das das Team sowieso verliert, ist vielen von uns einfach zu viel", sagt Bromwichs Fan-Beauftragter Alan Cleverley. Er liefert damit die Erklärung für die ungeliebte Bewegungsfreiheit, die ihm gestern im Gästeblock des Highbury-Stadions geboten wurde.

Nicht nur in der pittoresken Heimspielstätte der "Gunners" blieben zuletzt Sitzplätze verwaist. Fünfzehn von zwanzig Clubs der Premier League beklagen in der laufenden Saison einen Rückgang der Besucherzahlen. Die Anhänger sind nicht mehr bereit, horrende Eintrittspreise für einen Wettbewerb zu zahlen, der in den vergangenen Jahren seine Ausgeglichenheit und damit seine Spannung und Attraktivität verloren hat. Der Ausgang vieler Spiele ist vorhersehbar, das Spielstärkeniveau der Teams zu stark divergierend.

Verantwortlich für diese Entwicklung ist die europäische Königsklasse. Darüber sind sich die Experten im Mutterland des Fußballs einig. So titelte die Sonntagszeitung "The Observer": "Die Champions League tötet den Fußball." Entweder man spielt kontinuierlich im Konzert der Großen mit, oder man muß sich damit abfinden, daß man trotz seiner Erstklassigkeit nur ein Verein zweiter Klasse ist und keine Chancen auf den nationalen Titel hat.

Ein Blick auf die Meistermannschaften der Premier League, die wie die Champions League 1992 gegründet wurde, spricht Bände. Der Titel ging acht Mal an Manchester United und drei Mal an Arsenal London, das zudem in den vergangenen 18 Monaten eine unglaubliche Serie von 49 Spielen ohne Niederlage hinlegte. Und von wem wurde sie beendet? Na klar, von Manchester United. Seit zwei Jahren rüttelt nun der FC Chelsea an der Vormachtstellung dieser potenten Vereine. Was der Club aus dem Süden Londons letztlich nur den Millionen des großzügigen russischen Mäzens Roman Abramowitsch zu verdanken hat. Sympathien weckt dieser Umstand beim neutralen Fußball-Fan kaum. Denn die "Blues" haben dabei dem portugiesischem Gegenmodell FC Porto, der mit wenig Geld die Champions League gewann, die Säulen des Erfolgs geklaut. Trainer Jose Mourinho und die Verteidiger Ricardo Carvalho und Paulo Ferreira konnten dem Lockruf des Geldes nicht widerstehen.

"Im Moment spielen Arsenal London, Manchester United und Chelsea in einer Liga für sich", sagt Alistair Mackintosh, Geschäftsführer von Manchester City. Sein Verein rangiert momentan nach Punkten auf Platz zwölf und hinsichtlich des Zuschauerschwunds (minus 5034 im Schnitt) auf dem alarmierenden vierten Platz. Mackintosh ist Realist: "Klubs wie wir, FC Liverpool oder Newcastle United können bei der Erstellung von langfristigen Geschäftsplänen eben nicht mit steten Einnahmen aus der Champions League rechnen. Deshalb wird die Kluft zwischen den Top-Drei-Klubs und dem Rest immer größer."
Ein vor kurzem veröffentlichter Bericht des renommierten Forschungsinstituts "Sports Nexus" belegt, daß Mackintosh mit seiner Befürchtung nicht allein ist. 89 Prozent der Befragten sind der Meinung, daß Arsenal, ManU und Chelsea das Titelrennen auf unbestimmte Zeit in Zukunft unter sich ausmachen. Man befürchtet eine der schottischen Liga ähnelnde Konstellation. Dort liefern sich Celtic Glasgow und die Glasgow Rangers seit 19 Jahren ein langweiliges "two-horse-race" in der nationalen Meisterschaft. Eine auf Dauer gespaltene Liga mit einem Spannungsgrad gen null.

Ein Horrorszenario, das aber nicht nur den Engländern droht. Auch in vielen anderen europäischen Ligen hat sich in den vergangenen Jahren ein kleiner elitärer Kreis an Klubs gebildet, der es sich leisten kann, ein titelgarantierendes Team zu finanzieren. Voraussetzung dafür sind die alljährlichen Erlöse aus der Champions League.

Vor allem in Spanien und Italien ist der ligainterne Unterschied frappierend. So stehen dem Weltrekord-Etat von Real Madrid (317 Millionen Euro) die bescheidenen 22 Millionen Euro gegenüber, die der von Bernd Schuster trainierte Aufsteiger UD Levante zur Verfügung hat. Allein 75 Millionen Euro generieren die "Galaktischen" aus dem Verkauf von TV-Rechten, wohlgemerkt nur für die Ligaspiele. Auch in der italienischen Serie A wandert der Meisterpokal zumeist zwischen der Trophäen-Vitrine des AC Mailand und der von Juventus Turin hin und her. Kein Wunder. Bilanzdefizite werden in der Lombardei von Vereins- und Ministerpräsident Silvio Berlusconi, im Piemont von der Agnelli-Familie großzügig ausgeglichen.

Die Dominanz der Großklubs bereitet auch der UEFA Sorgen. "Es ist auch für uns sehr beunruhigend, daß in vielen Ländern nur einige wenige Mannschaften den nationalen Titel gewinnen können", sagt Pressechef William Gaillard. Doch niemand im europäischen Fußballverband will eingestehen, daß ihr finanztüchtiges Baby, die Champions League, zu einem Monster mutiert ist, das den ungleichen Kampf zwischen Arm und Reich produziert hat. Viel lieber fordert man von den nationalen Verbänden das Ergreifen von Maßnahmen, "damit Vereine, die einst europäische Fußballgeschichte geschrieben haben, nicht in 20 Jahren von der Bildfläche verschwinden."

Als erster Ansatzpunkt wird in diesem Zusammenhang eine gerechtere Verteilung der Einnahmen aus dem Verkauf von Übertragungsrechten genannt. Die Bundesliga dient dabei oft als Musterbeispiel. Die wird von der Deutschen Fußball-Liga, kurz DFL, zentral vermarktet. Was, wie diese Saison bestätigt, die Basis für einen gesunden, weil spannenden Wettbewerb ist, aber einen auf internationaler Ebene agierenden Verein wie den FC Bayern München in eine mißliche Lage bringt. Will der deutsche Rekordmeister seine neue Heimat, die Allianz-Arena, auch im Jahre 2010 noch "ausverkauft" melden, muß er auf eine Balance in der Liga achten. Andererseits sind die 15 Millionen Euro für die Übertragungsrechte an den Bundesligaspielen auf Dauer zu wenig, um in der europäischen Königsklasse konkurrenzfähig zu bleiben. "Um im internationalen Vergleich mithalten zu können", sagt Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, "müssen wir uns gehörig abstrampeln." Markus Lotter
aus Welt am Sonntag

In Deutschland gibt es mit den Bayern zwar auch ein dominierendes Team, aber dennoch gibt es noch einige andere Teams, denen man die Meisterschaft zutrauen kann. Finde daher auch die Zentralvermarktung sehr gut.