Schnörkellos, direkt, mit offenem Visier. Lukas Podolski redet wie er spielt. Im Interview mit PLAYER blickt der 20-Jährige zurück auf seine ersten beiden Profijahre. Ein Gespräch über Heimatgefühle, humorlose Sportreporter, polnischen Hip-Hop, Titelhunger, sein Leibgericht Bigos und - natürlich - über Tore
Interview: Kai Schächtele, Oliver Wurm / Fotografie: Dieter Eikelpoth
lles ist vorbereitet. Die Scheinwerfer im Fotostudio glühen, an der Kleiderstange hängt der frisch gebügelte weiße Anzug, auf dem Boden wartet ein Lederball. Der Fotograf legt einen Film ein, da klingelt das Telefon. »Sorry«, krächzt die Stimme. »Es geht nicht, ich bin krank.« Lukas Podolski liegt flach, Fieber. Der ganze Aufwand vergebens. Keine Fotoproduktion mit dem Shootingstar des deutschen Fußballs. Vorerst. »Wir versuchen es noch mal, versprochen.« Zwei Wochen später. Wieder das Düsseldorfer Fotostudio, wieder der gebügelte Anzug, der Lederball, der Fotograf, die Assistenten, die Stylisten. Und wieder der Anruf, vier Minuten vor dem vereinbarten Zeitpunkt. Am Handy Podolskis Berater Kon Schramm: »Ich habe schlechte Nachrichten. Poldi hat sich beim Länderspiel gestern verletzt. Die Leiste. Er ist mit Dr. Müller-Wohlfahrt nach München geflogen.«
Wenige Sekunden später öffnet sich die Studiotür, Podolski spaziert herein und lacht. Kon Schramm hebt entschuldigend die Hände. »Tut mir leid. Das war seine Idee.« Lukas Podolski pur. Chancen auf einen Witz nutzt der 20-Jährige so konsequent wie Gelegenheiten vor dem Tor. Und seine Tore machen Spaß. Sie geben dem Publikum den Glauben zurück, dass Fußball mehr ist als Taktik und Geschäft. Wenn Lukas Podolski auf dem Platz wirbelt, sieht man ihm die Spielfreude an. Am liebsten, so scheint es, würde er nach dem Abpfiff noch auf irgendeinem Bolzplatz weiterkicken, bis es dunkel wird.
Die Kölner Fans lieben ihn dafür. Mit 18 Jahren schoss er die ersten Bundesliga-Tore für den FC. Nach dem Abstieg in die Zweite Liga blieb er. Er wollte den Klub, der ihm die große Chance gegeben hat, nicht im Stich lassen. Mit 24 Toren schoss er Köln fast im Alleingang zurück in die Bundesliga. Aus Podolski wurde ›Prinz Poldi‹ (Express), nach seinen Gala-Auftritten in der Nationalmannschaft schließlich ›Prinz Goldi‹ (BILD). Zwei Jahre nach seiner Profi-Premiere sagt Podolski: »Ich bin der Gleiche geblieben.« Nur die Hoffnungen sind gewachsen. Und der Druck. Alle jagen ihn. Die großen Vereine, die Medien sowieso. Irgendwann soll Poldi Deutschland zur Weltmeisterschaft schießen. Am liebsten schon 2006. Vielleicht auch erst 2010, beim zweiten Versuch. Alles ist vorbereitet.
PLAYER: Lukas, zum ersten Profitraining in Köln im November 2003 sind Sie noch mit der Straßenbahn gefahren. Inzwischen schwärmt selbst der große Pelé von Ihnen. Sind Sie stolz?
Lukas Podolski: Nein, worauf sollte ich stolz sein?
Zum Beispiel darauf, dass Sie der drittjüngste deutsche Nationalspieler aller Zeiten sind, oder darauf, der Jüngste zu sein, der jemals bei einer Europameisterschaft teilgenommen hat.
Ich habe noch nichts erreicht. Kein WM-Titel, kein EM-Titel, keine Meisterschaft, kein DFB-Pokalsieg. Nichts. Ich will Titel gewinnen. Nur ein paar schöne Tore schießen, ist zu wenig.
Sie schossen sechsmal das »Tor des Monats«. Sieben schaffte bislang nur Jürgen Klinsmann.
Die Medaillen stehen zu Hause bei meiner Mutter. Natürlich freue ich mich über jede Auszeichnung, vor allem weil sie von den Fans kommt. Aber ein schönes Tor zählt auch nur einfach.
Sie machen Tore, die können andere nicht mal theoretisch erklären. Gibt es ein Geheimnis?
Nein. Die Tore kommen halt vor.
So einfach?
Ja. Nicht so viel grübeln - schießen.
»ICH LAUFE AUFS TOR ZU UND ZIEHE AB. DAS IST EIGENTLICH GANZ EINFACH«
Erinnern Sie sich an Ihr erstes Bundesligator?
Natürlich. Am 13. Dezember 2003, das 1:1 gegen Rostock. So etwas vergisst man nicht. Mein Mitspieler Tomasz Klos sagte vorher: Lukas, heute machst du dein erstes Ding. Deshalb bin ich nach dem Tor über den ganzen Platz zu ihm auf die Ersatzbank hingerannt.
Damals verdienten Sie gerade einmal 800 Euro.
Deshalb bin ich auch nicht weniger gelaufen oder habe schlechter geschossen. Natürlich will man als Profi Geld verdienen und gute Verträge abschließen. Aber Geld ist für mich kein Antrieb.
Sie erzielten in der Aufstiegssaison 24 Tore, obwohl Sie gar nicht ganz vorne gespielt haben. Wo ist denn Ihre Lieblingsposition?
Am liebsten komme ich mit dem Ball am Fuß aus der Tiefe. So kann ich mein Tempo am besten ausspielen. Außerdem ist das auch die beste Position, den letzten Pass zu spielen.
Machen Sie die Tore lieber selbst oder spielen Sie lieber den entscheidenden Pass?
Wenn jemand besser steht, lege ich den Ball ab, das ist doch ganz klar. Mir ist es nicht so wichtig, selbst das Tor zu machen. Was zählt, ist, dass wir gewinnen. Ob ich ein Tor mehr oder weniger gemacht habe, ist völlig egal.
Ehrlich?
Ja. Natürlich muss ich als Stürmer auch mal egoistisch sein und etwas Unmögliches probieren. Aber ich spiele gerne den letzten Pass. Eine gute Vorlage ist oft schöner als ein Tor.
Während der Fotoproduktion für PLAYER darf sich Podolski oft minutenlang nicht bewegen. Geduldig folgt er den Anweisungen des Fotografen und murrt auch nicht, wenn zwischendurch jemand an seinen Haaren zupft oder Puder auf seine Wangen tupft. Aber trotzdem merkt man: Der Mann muss sich bewegen, er kann nicht anders. Und wenn ein Ball in seiner Nähe liegt, dauert es nicht lange, bis er ihn aufspürt. Als habe er das Leder riechen können. Dann fängt er an, den Ball durchs Studio zu kicken, zeigt den Trick, den er »bei Ronaldinho abgeschaut« hat. Aus dem Popstar Podolski wird Lukas, der Straßenfußballer.
Dass er Fußballprofi geworden ist, hat er seinen Eltern zu verdanken. Die haben ihm den Ball gewissermaßen in die Wiege gelegt. Mutter Christina spielte professionell Handball, Vater Waldemar war Fußballprofi 3. Als Lukas Podolski zwei Jahre alt ist, siedelt die Familie von Polen nach Deutschland um. Das Ziel: Bergheim, ein unspektakuläres Städtchen mit 65000 Einwohnern im Speckgürtel von Köln. Podolski kickt im Sportpark des ›FC Jugend 07 Bergheim‹ oder mit seinen Freunden auf dem Bolzplatz. Stundenlang. Er steht schon auf dem Platz, wenn die anderen noch die Hausaufgaben erledigen. Und donnert den Ball aus allen Lagen ins leere Tor.
Wie sah ein typischer Nachmittag des 12-jährigen Lukas Podolski aus?
Wie bei jedem kleinen Jungen, der gerne kickt. Nach der Schule Ranzen in die Ecke und dann ging's ab zum Bolzplatz. Fünf gegen fünf auf Handballtore, immer bis zehn. Die erste Stunde war ich oft alleine da. Dann habe ich das geübt, was man sich im Spiel nicht traut, zum Beispiel mit dem schwächeren Fuß schießen. Die Hausaufgaben habe ich am Abend gemacht oder am nächsten Morgen. Auch als ich später in der Jugend des 1. FC Köln gespielt habe, bin ich vor dem Training oft noch ein, zwei Stunden zu den Bergheimer Jungs auf den Bolzplatz.
Gab es da irgendwann Momente, wo es einfach gereicht hat?
Nein, nie. Wenn ich drei Spiele hintereinander hätte machen dürfen, hätte ich auch drei gemacht. Es gab einfach nichts Schöneres als Fußball zu spielen.
»ES IST MIR EGAL, WER DIE TORE MACHT. ABER ICH MUSS ALS STÜRMER AUCH MAL EGOISTISCH SEIN UND ETWAS UNMÖGLICHES PROBIEREN«
Wie hat Sie der 1. FC Köln eigentlich entdeckt? Oder haben Sie sich dort gemeldet?
Ralf Krutwig hat mich bei einem Jugendturnier entdeckt. 4 Nach einem Spiel kam er zu mir und wollte meine Nummer haben. Danach hat er bei meinen Eltern angerufen. Die haben mich dann zum Probetraining gefahren.
War das der Moment, wo Sie zum ersten Mal gedacht haben: Der Traum, Profifußballer zu werden, könnte vielleicht wahr werden?
Nein. Damals gab es viele, die es auch hätten packen können. Aber die sind alle nicht mehr da. Es kann so viel passieren. Man muss einfach immer weiterarbeiten.
Auch nicht an dem Morgen, an dem Marcel Koller, der damalige Cheftrainer, Sie ins Büro rief?
Koller war gerade zwei Tage Cheftrainer in Köln, als unser Manager Andreas Rettig nach dem Jugendtraining meinte: ›Der Trainer will dich sehen.‹ Ich bin dann rein zu ihm und Koller sagte, er würde mich gerne mit ins Trainingslager nehmen. 5 Ich habe gesagt ›Ok, Danke für die Einladung. Auf Wiedersehen.‹ und bin aus dem Büro gegangen.
Wie war das, als Sie dann zum ersten Mal mit den Profis auf dem Platz standen?
Am Anfang war ich ein bisschen aufgeregt. Aber die Jungs haben mich gut aufgenommen. Ich habe dann einfach Vollgas gegeben.
Es folgte eine Achterbahnfahrt der Gefühle, oder? Sie erzielten zehn Bundesliga-Tore, Köln stieg dennoch ab. Rudi Völler berief Sie in die Nationalmannschaft und trat kurz darauf nach dem EM-Debakel zurück. War das eine schwierige Zeit?
Wieso - soll ich mich da auf den Boden werfen und heulen? Es muss immer weitergehen.
Haben Sie in der Zeit darüber nachgedacht, Köln zu verlassen?
Nein. Viele haben mir abgeraten, in Köln zu bleiben, und es gab auch viele Angebote. Aber ich wollte bleiben und dem FC helfen. Man kann nicht nach einem halben Jahr einfach so den Verein verlassen, ohne mit ihm etwas geschafft zu haben. Außerdem war die zweite Liga eine gute Schule für mich.
Zweite Liga. Der Hinterhof des Fußballs. Rustikale Verteidiger, die eher umsäbeln als ablaufen. Plätze wie Rübenacker. Und mittendrin ein 19-jähriger Nationalspieler. Der Star. Den sie alle kriegen wollen. Die Verteidiger, die Fans, die Zeitungen. In diesem Jahr lernt Podolski, was es heißt, ein gefeierter Mann zu sein. Er macht kaum einen Schritt, sagt keinen Satz, ohne dass er am nächsten Tag in der Zeitung steht. Aus ›Prinz‹ Poldi wird ›Prince‹ Poldi - ein Fußballer, der wie ein Popstar gefeiert wird. Einer, für den junge Mädchen zum Trainingsplatz rausfahren.
Auf dem Platz perlt alles an ihm ab. Die Verteidiger lässt er stehen. Die Torhüter schauen seinen Bällen nur hinterher. Wenn die Boulevardzeitungen von Krise schreiben, schießt er beim nächsten Mal eben vier Tore. Beim Spiel in Cottbus, in dem Köln den Aufstieg besiegelt, fehlt er verletzt. Als er am Abend am Vereinsgelände ankommt, tragen ihn die Fans auf Händen vom Parkplatz ins Clubhaus. Im Sommer, beim ›Confederations Cup‹, präsentiert er sich gereift. Clever auf dem Platz. Symphatisch außerhalb. Mit seinem Freund Bastian Schweinsteiger bildet er das Traumpaar des deutschen Teams. Ganz Fußball-Deutschland jubelt über die beiden. So, als hätten sie Deutschland im Alleingang auf Platz drei geschossen. Deutschland erlebt den bisherigen Höhepunkt der ›Poldi-Mania‹.
Die Pause nach dem Confed-Cup ist kurz. Ständig klingelt das Telefon. Die Medien berichten täglich über Wechselgerüchte. Der FC Bayern buhlt öffentlich um den FC-Star. Keine Ruhe, nirgendwo. Wie alle Confed-Cup-Spieler steigt Podolski später ins Training ein. Obwohl noch nicht in Top-Form, muss er spielen. Als sein Verein in der ersten Runde des DFB-Pokals gegen den Zweitligisten Kickers Offenbach ausscheidet, titelt die ›Bild am Sonntag‹: »Pokal-Sensation: FC Podolski raus!« Beim Länderspiel gegen die Niederlande lässt Jürgen Klinsmann Poldi pausieren.
Gleiwitz, Polen, ist in dieser Phase der einzige Ort, wo Podolski sein kann wie er ist. Dort ist der Mann, der sich mit seinen Eltern ausschließlich auf Polnisch unterhält, ein unumstrittener Star. Viele Zeitungen berichten über ihn. Bei Spielen der Nationalmannschaft sind inzwischen fast genauso viele polnische Reporter wie deutsche. Und mit den polnischen Journalisten spricht er in Krisenzeiten manchmal lieber als mit deutschen.
Gibt es einen Unterschied, wenn sie von polnischen Reportern befragt werden?
Ja, die Polen interessieren sich mehr dafür, was auf dem Platz passiert, und weniger für das Drumherum. Das finde ich ganz angenehm.
Wie ist Ihr Verhältnis zu dem Land, in dem Sie geboren sind?
Ich lese gerne polnische Sportzeitungen, höre polnischen Hip Hop, zum Beispiel von Mezo, Pejo oder WWO. Wenn ich in meinem Geburtsort zu Besuch bin, ist das wie Urlaub. Auch wenn der Rummel dort inzwischen größer wird. Als ich das letzte Mal da war, musste meine Oma Autogrammkarten durchs Küchenfenster verteilen.
Apropos Küche. Mögen Sie die deftige polnische Küche?
Als Leistungssportler achte ich auf Ernährung. Ich rauche nicht, trinke keinen Alkohol. Aber beim polnischen Nationalgericht Bigos, ein Sauerkrauttopf mit verschiedenen Fleischsorten, werde ich schwach.
Wie oft kommt die Frage: Warum spielst Du nicht für Polen?
Sehr oft. Dann antworte ich immer: Das geht ja nicht mehr.
Aus Höflichkeit? Oder gab es da ernsthafte Überlegungen?
Nein. Ich bin in Deutschland groß geworden, habe hier das Fußballspielen gelernt und die deutsche Mentalität verinnerlicht. Da war klar, dass ich, wenn ich die Chance bekomme, für Deutschland spiele. Der polnische Nationaltrainer hat trotzdem versucht, mich zu überreden, und mir ein Trikot geschickt mit der Zehn und meinem Namen.
Interessieren Sie sich dafür, wie das polnische Team abschneidet?
Klar. Wenn Polen spielt, schaue ich mir das immer mit meinem Vater an.
Dann säßen Sie ja in der Zwickmühle, wenn Sie mit Deutschland gegen Polen spielen müssten.
Das gab es sogar schon mal, bei der U-17-Weltmeisterschaft. Die Polen mussten mindestens Unentschieden spielen, um weiterzukommen, und uns hätte ein Punkt auch gereicht. Ich habe kurz vor Schluss ein Kopfballtor gemacht. Wir haben das Spiel gewonnen, die Polen mussten nach Hause fahren. Als wir danach im Hotel zum Essen gegangen sind, saßen die Polen in der Lobby und haben geheult. Wenn ich Fußball spiele, will ich gewinnen - egal gegen wen.
Wenn Lukas Podolski auf dem Platz steht, hat man immer das Gefühl, der Kerl kennt gar keinen anderen Weg als den direkten zum Tor. Außerhalb des Platzes verhält er sich genauso kompromisslos. Kein anderer Bundesliga-Profi setzt sich so entschieden zur Wehr, wenn er sich von den Boulevardmedien ungerecht behandelt fühlt. Auch auf die Gefahr hin, dass er es sich mit den Meinungsführern im deutschen Medienfußball verscherzt.
Sie haben in den letzten Monaten mehrfach Zeitungs- und Magazinberichte auf Ihrer Homepage vehement dementiert. Ganz schön mutig.
Was heißt mutig? Die Leute sollen einfach bei der Wahrheit bleiben. Niemand soll Dinge über mich erzählen, die nicht stimmen. Deshalb gebe ich auch oft so kurze Antworten. Die kann niemand verdrehen.
Leiden Sie unter den Gesetzen des Marktes - heute Star, morgen Depp?
Das interessiert mich nicht. Natürlich enttäuscht es mich, wenn nach einem schwachen Spiel alles ins Negative gezogen wird. Im nächsten Jahr ist die WM in Deutschland, wir haben viele junge Spieler, die sich noch entwickeln müssen. Aber wenn einer mal ein schlechtes Spiel gemacht hat, heißt es sofort, der hat sich aus der Mannschaft gespielt. Für uns wäre es besser, uns bis zur WM in Ruhe arbeiten zu lassen.
Quelle:
http://www.playermag.de/cgi-bin/adframe ... 2134569693