Fußball-WM
Kartenspiele für Anfänger
Von Tobias Rösmann, Frankfurt, 30. Januar 2006
In seiner Not berief der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) den Ältestenrat des Stadtparlaments ein. Denn die Last seiner Entscheidung wollte das Stadtoberhaupt nicht mehr alleine tragen: 15 Karten für die Fußball-Weltmeisterschaft hat er jedem der 80 Stadträte zum Kauf angeboten. Ein unmoralisches Angebot?
Der Ältestenrat tagte hinter verschlossenen Türen. Nach fast zwei Stunden sprang er dem Oberbürgermeister zur Seite: Bei dem Angebot handele es sich nur „um rechnerisch mögliche Höchstzahlen”, hieß zur Entlastung Udes. Und: Im Durchschnitt würden die Politiker nur ein oder zwei der 1.800 städtischen WM-Karten kaufen. Daß sie selbst zu den Privilegierten zählen, erwähnten die Mitglieder des Ältestenrats nicht.
Affäre überstanden
Dank Vandreike bleiben Frankfurts Politiker unter sich
Die Karten sind rar, und nur ein Bruchteil der Fans wird ein WM-Spiel von der Stadiontribüne verfolgen können. Knapp drei Millionen Tickets hat der Internationale Fußball-Verband (Fifa) drucken lassen, „aber wir bräuchten gut und gerne 30 Millionen”, sagt der Vizepräsident des deutschen Organisationskomitees, Horst Schmid.
Beschwerden wegen des komplizierten Bewerbungsverfahrens gab es schon, jetzt steht Ärger ins Haus wegen eines Teils der 389.000 Tickets für die „Deutsche Fußball-Familie”. Zu ihr gehören auch die zwölf Städte, in denen die Spiele ausgetragen werden. Zwischen 300 und 600 Tickets je Spiel durften sie erwerben. Jetzt müssen sie entscheiden, wem sie die begehrten Karten anbieten.
Der "Kaiser" ruft - und die lokalen Frankfurter Größen kommen gerne
Anders als Oberbürgermeister Ude ist Frankfurts Bürgermeister Joachim Vandreike schon wieder bester Laune. Der SPD-Politiker sitzt im Sportausschuß und läßt 40 Minuten lang einen Mitarbeiter über die Umbaupläne für ein Regionalligastadion referieren. Frühestens in einem halben Jahr soll der Umbau beginnen, doch die Präsentation an diesem Tag ist kein Zufall. Gerade hat der Bürgermeister und Sportdezernent eine Affäre um die Vergabe von städtischen WM-Tickets überstanden. Jetzt braucht er gute Nachrichten.
Beschwerden von der Opposition
Vandreike hat Ummut auf sich gezogen. weil er nicht genügend Briefe geschrieben hat. Kürzlich hatte er verfügt, wie die 2.000 Karten für die fünf Spiele in Frankfurt aufzuteilen seien: Zehn bis zwanzig Prozent sollten für künftige Sponsoren zurückgehalten werden, zwei Drittel der restlichen Tickets an schon beteiligte Geldgeber gehen.
Doch weil viele Karten übrigblieben, gestattete Vandreike sich und den anderen Stadträten, jeweils 15 davon exklusiv zu kaufen. Dann lagen aber immer noch Tickets auf dem Schreibtisch, und Vandreike schrieb noch ein paar Briefe. Nicht verdienten Ehrenamtlichen oder Nachwuchsfußballern bot er die letzten Eintrittskarten an, sondern den Fraktionen der Frankfurter Viererkoalition.
Die Opposition bekam davon Wind und beschwerte sich heftig. Also verfaßte Vandreike noch ein paar Briefe. Spötter sagen, er habe sich „wie ein Anfänger” aufgeführt. Im Frankfurter Rathaus heißt er seitdem „der Karten-Dezernent”.
Leipzig hält es mit der Fifa
Ticket gesucht - ein Problem, das Vandreike und Co. nicht haben
„15 Karten pro Stadtrat?” Die Stimme mit dem sächsischen Akzent klingt überrascht. Im Sportamt der Stadt Leipzig kennt man die Vorgaben der Fifa: Die 2.530 städtischen Tickets dürfen nur an diejenigen weiterverkauft werden, die sich besonders für die Weltmeisterschaft engagieren. „Aber da denkt man doch zuerst an die Ehrenämtler in Vereinen und Hilfsdiensten”, heißt es.
Deshalb habe das Leipziger Sportamt mehr als 100 Vereine angeschrieben und gebeten, Mitglieder zum Kartenkauf vorzuschlagen. 1.300 der städtischen Tickets sollen auf diese Weise verteilt werden. Leer ausgehen sollen die Politiker dabei nicht: Für jeden Stadtrat werde es genau zwei Karten geben. Das sei „transparent und gerecht”.
Die Sprecherin der Stadt Köln braucht zehn Sekunden, dann hat sie die Liste parat. Dann liest sie vor: 300 Tickets für Fußballvereine, 300 für sonstige Sportvereine, 600 für weitere Ehrenamtliche, 200 Karten für Verkehrsbetriebe und Feuerwehr, 100 für Mitglieder ausländischer Dachvereine, 100 für Staatsgäste und Oberbürgermeister der Partnerstädte, und 400 Tickets für den Ehrenkreis Köln, zu dem der Dompropst ebenso gehört wie die Ratsmitglieder.
In Köln haben Helfer Vorrang
Die Politiker kommen an letzter Stelle: „Bei uns war von Anfang an klar, daß die Karten nicht an diesen engen Kreis gehen sollten.” Derart durchdacht ist die Vergabe in Dortmund, Gelsenkirchen, Kaiserslautern und Berlin zwar nicht, aber auch dort gilt: Die Kommunalpolitiker bekommen nur wenige Karten, auf die Mehrzahl der Karten dürfen jene zugreifen, „die arbeitstechnisch mit der WM in Verbindung stehen”, wie der Dortmunder Koordinator Gerd Kolbe sagt.
So habe die Stadt drei Viertel der 2.400 Eintrittskarten etwa 200 Helfern zum Kauf angeboten, die seit mehr als zwei Jahren für die Weltmeisterschaft schufteten. Bedacht worden seien zum Beispiel das Technische Hilfswerk und das Rote Kreuz. Die Mitglieder des Ältestenrats und die Dezernenten durften je eine Karte für eines der sechs Spiele kaufen.
Ähnlich verfährt Gelsenkirchen. „Priorität haben die, die bei so einem riesigen Event helfen”, so eine Sprecherin. Das schließe Politiker natürlich nicht aus, bringe ihnen aber auch keine Vorteile. „Den Fraktionen haben wir weniger als zwei Prozent der Karten angeboten.”
Stuttgart bemühte den Ältestenrat
Der Berliner WM-Koordinator Jürgen Kießling will die Münchner und Frankfurter Kartenspiele gar nicht erst kommentieren. Er sagt nur: „Unser Modell wird anders aussehen.” Zuerst bedacht würden „Menschen, die sich um Berlin verdient gemacht haben”. Kaiserslauterns WM-Chef Erwin Saile will „selbstverständlich die Kommunalpolitiker berücksichtigen, weil sie die WM ermöglicht haben”.
Mehr als zwei Tickets je Ratsmitglied ist ihm das aber auch nicht wert. Wie man Ärger umgeht, zeigt auch Nürnberg. Für das städtische Kontingent - 2.000 Karten für fünf Spiele - sammele man derzeit Anmeldungen. Bis April könnten Bürger anrufen, die sich für die WM engagiert haben. Für die Kommunalpolitik sei der Stadionbetreiber eingesprungen und habe den 70 Stadträten 500 Eintrittskarten aus seinem Kontingent zum Kauf angeboten.
Stuttgart hat gleich zu Beginn den Ältestenrat bemüht. Der entschied, daß die 60 Stadträte je drei der 3600 Karten erwerben dürfen. Der größte Teil, 2.700 Tickets, soll nach den Sponsoren des aufwendigen Rahmenprogramms angeboten werden. Daß die Unternehmen den Kartenkauf unter gewissen Voraussetzungen von der Steuer absetzen können, ficht die Stuttgarter nicht an. „Wir brauchen die Partner, sonst geht es nicht.”
Die Frankfurter Opposition wurde beteiligt
Großzügiger bedenkt Hannover seine Politiker: Bis zu zehn Tickets kann jeder der 62 Ratmitglieder kaufen. Auch gegenüber den Sponsoren zeigt sich die Stadt freigiebig: Mehrere hundert der 2.000 Karten sollen für sie bereit liegen. Anders als Frankfurt denkt die niedersächsische Hauptstadt aber auch an Ehrenamtliche, die sich in Vereinen und Schulen engagieren. Rund 200 Eintrittskarten will man ihnen schicken - als Dank für den Einsatz vor und während der Weltmeisterschaft.
Vielleicht hat der Sprecher der Hamburger Sportbehörde zuviel Zeit in München oder Frankfurt verbracht: Ehrenamtlichen will er jedenfalls erst einmal keine Karten zum Kauf anbieten. „Wir richten unser Angebot an die relevante Stadtöffentlichkeit”, heißt es, zum Beispiel an Vertreter von Kammern, Kirchen und Förderern des Rahmenprogramms. Üppig versorgt werden die 121 Abgeordneten der Bürgerschaft: Sie dürfen jeweils bis zu zehn Tickets bestellen. Erst wenn dann noch Karten übrigblieben, werde man „an Ehrenamtliche herantreten”.
Frankfurts Bürgermeister Vandreike hat seine Schwierigkeit mittlerweile aus dem Weg geräumt: Den sechs Fraktionen der Opposition hat er einfach Karten aus dem Sponsorenkontingent angeboten. Entschuldigt hat er sich nicht; an der Verteilung der Tickets will er nichts ändern. In München gibt es dagegen noch Hoffnung: Oberbürgermeister Ude hat angekündigt, prüfen zu wollen, wie andere Städte die Karten vergeben.
Text: F.A.Z., 30.01.2006
Ich weiß, ist keine Überraschung, nur die Dreistigkeit einiger Politiker ist schon beeindruckend. Und der Fan bleibt wie immer auf der Strecke.
Wie soll in den Stadien Stimmung aufkommen, wenn nur Nadelstreifen-Typen anwesend sind, die sich die Hände schütteln und protzen sie wären dabei gewesen. Die meisten haben in den letzten Jahren kaum ein Spiel im Stadion erlebt, aber bei der WM muss man ja dabei sein.
An die wirklich Fussballbegeisterten, die seit Monaten oder Jahren auf dieses Event hinfiebern denkt keiner.
Dass diejenigen Karten bekommen, die bei der WM helfen, bzw ehrenamtlich alles vorbeireiten find ich gut.
Aber unsere lieben Politiker (nicht alle) zeigen uns das Bild, welches wir schon gewohnt sind - mitnehmen was geht.
Dass jeder Stadtrat Karten bekommt ist umso unverständlicher, als dass die Hostitality-Kräfte, die während der WM unentberliche Dienste leisten leer ausgehen. Gut sie bekommen ein Nationalelf-Paket, aber zumindest hätte jeder eine Karte verdient.
Abseits von halb leer oder halb voll wartet der wahre Optimist darauf, dass ihm jemand nachschenkt.